Intensivrecherche im Gottesdienst 11FREUNDE

Publish date: 2024-11-24

Beson­ders gerne regen sich die Deut­schen am Sonntag auf. Wenn am Abend der ​„Tatort“ auf der ARD läuft, sitzen sie vor ihren Fern­se­hern und schreiben das Internet und vor allem Twitter voll. Die ARD nennt das Netz­werk in jenen Sonn­tag­abend­stunden ein ​„digi­tales Lager­feuer, an dem sich Tatort-Fans und Gleich­ge­sinnte treffen“. Man könnte auch sagen, es ist ein ​„digi­taler Acker für Tatort-Hoo­li­gans und Cho­le­riker“. 

Man fragt sich jeden­falls, warum die Leute nicht ein­fach wei­ter­zappen, eine tolle Krimi-Serie auf einem anderen Sender oder einem der unzäh­ligen Strea­ming­por­tale schauen. ​„True Detec­tice“, ​„Die Brücke“, was auch immer. Aber nein, um Punkt 20:15 Uhr schalten sie um auf ARD, und dann, ohje, aha, wieder eine Folge, die in irgend­einem sub­kul­tu­rellen Milieu spielt, bei der die Prot­ago­nisten Dia­loge spre­chen, die klingen, als habe sie ein Ü50-Ober­stu­di­enrat aus dem Stra­ßen­s­lan­g/­Deutsch-Duden abge­schrieben. ​„Hey, cool, yolo, Mann!“

Viel­leicht ist es auch die Wut auf den Sonntag an sich. Ein Tag als Mene­tekel. Schon morgen geht die Woche und die ganze Mühle wieder los. Und natür­lich auch ein Tag, der schon beschissen ange­fangen hat. Denn die zweite Sen­dung, über die sich die Deut­schen beson­ders gerne auf­regen, ist der ​„Dop­pel­pass“ auf Sport1.

„Das ist jetzt wirk­lich ent­täu­schend. Dann halt nicht.“

Max-Jacob Ost

Ver­gan­gene Woche ver­kün­dete der Sender, dass der ​„Bild“-Chefkolumnist Alfred Draxler neuer ​„Doppelpass“-Experte wird. Das heißt, er wird neben dem Mode­rator Thomas Helmer und seinen Gästen sitzen und irgend­welche steilen Thesen auf­stellen oder kom­men­tieren. Der Zorn in den Sozialen Medien folgte prompt. Max-Jacob Ost, Macher der Pod­casts ​„Rasen­funk“ und ​„11Leben“, twit­terte: ​„Das ist jetzt wirk­lich ent­täu­schend. Dann halt nicht.“ Über 700 User likten diesen Bei­trag. ​„Ein Schritt vor, zehn Schritte zurück“, twit­terte auch Klaas Reese, der unter anderem für den Deutsch­land­funk und 11FREUNDE tätig ist. Über 800 Likes.

Was regt die Leute so auf? 

Viel­leicht muss man noch mal erklären, was der ​„Dop­pel­pass“ über­haupt ist. Im Grunde zeigt er sich als eine Fort­füh­rung des Got­tes­dienstes: eine mehr­stün­dige Talk-Show mit Zuschauern am Sonn­tag­morgen. Er hat etwas Bestän­diges, er bietet Halt. Er hat mit Thomas Helmer sogar eine Art Pfarrer. Die Unter­schiede zum Got­tes­dienst sind mar­ginal: Das Publikum sitzt zwi­schen Palmen und einer gut gefüllten Bar. Damen mit sehr viel Schminke bringen Män­nern mit sehr viel Bauch Weiß­bier an den Tisch. Und ja, hier darf man auch mal Dinge dazwi­schen­rufen,​„Oha!“ oder​„Wow!“ oder​„Effz Bayan!“. Hier trägt man auch gerne Fuß­ball­tri­kots mit Spitz­namen wie ​„Mario Gib Gummi“ und​„Beppo Banzer“.

Auf einem Tisch steht ein Spar­schwein, das ​„Phra­sen­schwein“ heißt. Wenn ein Gast eine beson­ders öde Fuß­ball­floskel benutzt, muss er fünf Euro rein­werfen. Nach einigen Sen­dungen kommen Summen zusammen, mit denen man das Jah­res­ge­halt von David Alaba zahlen könnte.

Die Sen­dung läuft seit 25 Jahren. Anfangs wurde sie von Rudolph Brückner mode­riert, später von Jörg Won­torra und seit 2015 vom Ex-Profi Thomas Helmer, über den die ​„Süd­deut­sche Zei­tung“ mal schrieb, er habe ​„weniger Durch­blick als das Phra­sen­schwein“, was natür­lich etwas fies war, aber ganz gut das Dilemma der Show zusam­men­fasst: Ein immer kom­plexer wer­dender Fuß­ball wird mit unter­kom­plexen Erklä­rungen ana­ly­siert. Wenn man unter­schied­li­cher Mei­nung ist, wird nicht gestritten oder debat­tiert, son­dern ​„gefrot­zelt“. Wenn mal jemand einen Scherz macht, dann ​„blüht der Flachs“. Eine ​„Kicker“-Ausgabe aus den Sech­zi­gern ist sprach­lich moderner.

Die meisten Gäste sind männ­lich, sel­tener unter 40 und kommen aus einer Zeit, in der es kaum jemanden inter­es­siert hat, was um das Spiel oder das Sta­dion herum pas­sierte. Ultras? Aktive Fans? Banner in der Kurve? Ras­sismus? Katar? Kor­rup­tion? Es ging und geht ums Tore­schießen, ums Geld­ver­dienen und darum, dass am Ende hof­fent­lich der FC Bayern Meister wird.

Einige Gäste wirken auf dieser Bühne wie Zeit­rei­sende, die in den ver­gan­genen 20 Jahren nicht ein ein­ziges Mal aus ihrer Fuß­ball­b­lase hin­aus­ge­schaut haben. Aber sie werden ein­ge­laden, weil sie mar­kige Sprüche und Her­ren­witze mit­bringen. Vor wenigen Wochen war etwa der ehe­ma­lige Mainz-05-Profi Guido Schäfer zu Gast. Er schreibt als Chef­re­porter – einige würden auch ​„Fan­re­porter“ sagen – für die ​„Leip­ziger Volks­zei­tung“ über RB Leipzig. Im ​„Dop­pel­pass“ sagte er aller­hand selt­same Sätze, unter anderem schwa­dro­nierte er von einer Miss Ger­many, an die er mal ​„ran­gehen“ würde.

Ein anderes Mal störten Fans die Sen­dung, riefen ​„Fuß­ball­mafia DFB“, warfen Spiel­geld­scheine auf die Bühne und zeigten einen Banner, auf dem stand: ​„Gegen kor­rupte Funk­tio­näre“. ​„Dinge gibt’s, die gibt’s gar nicht. Was pas­siert jetzt mit denen?“, fragte Stefan Effen­berg mit der über­heb­li­chen Süf­fi­sanz eines Mannes, der nie an sich gezwei­felt hat und darauf unge­heuer stolz ist.

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